Die heilige Edith Stein (Theresia Benedicta vom Kreuz)

Edith Stein (1891-1942) war Philosophin. Ihr Glaubensweg war ihr nicht in die Wiege gelegt. Im jüdischen Glauben aufgewachsen und erzogen, wandte sie sich atheistischen Strömungen zu. Glaube und Religion waren ihr also nicht "in die Wiege gelegt", im Sinne einer Selbstverständlichkeit. Ihr Weg zum christlichen Glauben war ein Weg über das Streben der Vernunft und der Suche nach "Wahrheit" - einer letztgültigen und auch verbindlichen Wahrheit, die allen Menschen "eingeschrieben" ist, bzw. die allen möglich ist. Bei einem Besuch im Dom zu Speyer, als sie dort die Heilige Messe erlebte (sehend, noch nicht irgendwie erfahrend), wurde sie von der Gegenwart Gottes überwältigt. Sie erkannte von einem Augenblick zum anderen die Wahrheit des christlichen Glaubens; sie fiel auf die Knie, die Taschen fielen aus ihren Händen, und sie fand Christus. Ihr Weg zur Taufe und zum christlichen Glauben erfolgte nun logischerweise, für sie, die Wahrheitsucherin. Aus der Sucherin nach Wahrheit ist eine Gottsucherin geworden. Ihr Lebensweg führte sie dann in das Ordensleben: sie fand geistliche Nahrung in der Spiritualität des Karmel (Theresa von Avila, Johannes vom Kreuz...) und trat in den Karmel zu Speyer ein. Sie erhielt den Ordensnamen Theresia Benedicta vom Kreuz. Dieser Name sollte prophetisch werden: Als die Nazionalsozialisten anfingen, ihr Terrorsystem der Judenverfolgung systematisch umzusetzen, blieb auch Edith Stein vor dieser teuflischen Verfolgung nicht verschont: gleichgültig, dass sie mittlerweile getaufte Christin war. Sie wurde ins Konzentrationslager deportiert und wurde dort ermordet. "Komm, wir gehen für unser Volk." hat sie zu ihrer Schwester gesprochen, als sie aus dem Kloster abgeholt und deportiert wurden. Papst Johannes Paul II. hat Edith Stein zu einer Patronin Europas erklärt und ihr Martyrium und ihre Spiritualität der Kirche eröffnen wollen. Ihr Festtag ist der 9. August. 

 

"Wer die Wahrheit sucht, sucht Gott - ob ihm das bewusst ist oder nicht." Dieses Wort der Heiligen ist hochaktuell, gerade in unserer Zeit, in der sich viele Menschen auf Gottsuche befinden - oder diese Suche auch aufgegeben haben. Aber ohne Gott versteht sich der Mensch selbst nicht (Benedikt XVI.), er weiß nicht, wohin er kommt und wohin er geht, das Rätsel seines Lebens bleibt unlösbar. Hier kann Edith Stein Wegweiserin und Helferin, ja, auch Fürbitterin sein. 

 

"Wer aus und in lebendigem Glauben Gott kennt und liebt, der wird begierig sein, Ihn von immer neuen Seiten und in neuen "Zügen" kennen zu lernen und wird immer wieder zur Heiligen Schrift greifen, die ihm das ermöglicht." 

 

"Wenn ein Ungläubiger die Heilige Schrift liest - etwa in sprachwissenschaftlicher oder philosophischer Absicht -, so lernt er dadurch Gott nicht kennen, sondern nur die Gottesauffassung der Schrift und derer, die sie gläubig annehmen. Es sei denn, dass durch das, was er liest, der Glaube in ihm geweckt wird - aber dann ist es ein Übergang von der einen Einstellung zur andern. Auch innerhalb des Glaubens gibt es noch verschiedene Weisen des Verstehens und Kennenlernens. Wer gläubig die Hl. Schrift liest, der nimmt alles, was er liest, "im Glauben" an, d. h. als offenbarte Wahrheit; aber damit ist keineswegs gesagt, dass er alles lebendig-seelisch erfasst, es kann weitgehend ein leeres, erlebnismäßig unwirksames Erfassen des Wortsinnes sein. Man spürt deutlich den Unterschied, wenn einem plötzlich eine oft gelesene Schriftstelle "in einem neuen Licht aufgeht", wir können auch von einer göttlichen Forderung ganz persönlich getroffen werden, die uns bisher nicht klar war; oder es können bisher getrennt erfasste Glaubenswahrheiten in ihrem Zusammenhang aufleuchten." 

Aus: Wege der Gotteserkenntnis (ESW XV, 97f.; ESGA 17,50f.) 

 

"Aber wir stehen damit noch nicht vor Gott selbst. Doch kann auch das geschehen: Es kann ein Wort der Schrift mich so im Innersten treffen, dass ich mich darin von Gott selbst angesprochen fühle und Gottes Gegenwart spüre. Das Buch und der heilige Schriftsteller oder der Prediger, den ich gerade höre, sind verschwunden - Gott selbst spricht, und Er spricht zu mir. Dann ist der Boden des Glaubens verlassen, aber ich bin für den Augenblick darüber erhoben zur Erfahrungserkenntnis Gottes. Im Grund ist dies das Ziel aller Theologie: den Weg zu Gott selbst frei zu machen." 

Aus: Wege der Gotteserkenntnis (ESW XV, 98; ESGA 17, 51)